Keuchhusten ist alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit. Als hochgradig ansteckende Infektionskrankheit stellt er für Erwachsene oft „nur“ eine lästige Beschwerde dar, für Neugeborene und Säuglinge hingegen ist er eine lebensbedrohliche Gefahr.
Prof. Dr. İlknur Kılıç, Expertin für Neonatologie (Neugeborenenmedizin), erklärt im Folgenden, was hinter der Infektion steckt, wie sich das Virus unbemerkt in der Familie ausbreitet und warum die Impfung von Müttern und dem direkten Umfeld der beste Schutz für das Baby ist.
Was ist Keuchhusten (Pertussis)?
Keuchhusten wird durch das Bakterium Bordetella pertussis verursacht und extrem leicht über Tröpfcheninfektion (beim Husten, Niesen oder Sprechen) in der Luft übertragen. Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken weltweit jährlich rund 50 Millionen Menschen an Keuchhusten – für etwa 300.000 Betroffene endet die Krankheit tödlich.
Während die Erkrankung in jedem Alter auftreten kann, verläuft sie insbesondere bei Säuglingen oft dramatisch. Neben schweren Lungenschäden kann Pertussis zu dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.
Symptome bei Babys vs. Erwachsene:
- Bei Säuglingen und Kleinkindern: Die Krankheit beginnt meist wie eine harmlose Erkältung. Nach ein bis zwei Wochen folgen jedoch die typischen, krampfartigen Hustenanfälle, die bis zum Ersticken führen können. Babys laufen bei diesen Anfällen oft blau an (Zyanose), erbrechen sich und ringen nach Luft.
- Bei Erwachsenen: Hier verläuft Keuchhusten meist untypisch und wird oft übersehen. Er äußert sich in der Regel durch einen hartnäckigen, trockenen Husten, der über viele Wochen anhält. Studien zeigen, dass hinter rund 20 % aller Hustenerkrankungen, die länger als zwei Wochen andauern, eine unerkannte Keuchhusteninfektion steckt.
Wie stecken sich Babys mit Keuchhusten an?
Neugeborene haben in den ersten Lebenswochen noch keinen eigenen Nestschutz, wenn die Mutter nicht frisch geimpft ist. Untersuchungen zeigen, dass die Hälfte aller Frauen im gebärfähigen Alter nicht über genügend Antikörper verfügt, um diese schützend an ihr Neugeborenes weiterzugeben.
Daher erfolgt die Ansteckung bei Babys zu 75 % durch das direkte, engste Umfeld:
- 40 % der Infektionen gehen von der eigenen Mutter aus.
- 15 % der Babys werden durch den Vater angesteckt.
- 20 % der Ansteckungen erfolgen durch Geschwisterkinder im Alter zwischen 4 und 19 Jahren.
Verliert die Keuchhusten-Impfung ihre Wirkung?
Ja. Die Immunität gegen Keuchhusten – sowohl nach einer Impfung als auch nach einer durchgemachten Erkrankung – lässt nach durchschnittlich 10 Jahren deutlich nach. Da viele Erwachsene ihren Impfschutz nicht regelmäßig auffrischen, infizieren sie sich unbemerkt und tragen das Bakterium direkt zum Neugeborenen.
Da Säuglinge ihre erste reguläre Keuchhusten-Impfung (oft im Rahmen der 6-fach-Impfung) frühestens ab dem vollendeten 2. Lebensmonat erhalten können, sind sie in den ersten acht Wochen völlig schutzlos ausgeliefert, wenn das Umfeld nicht aufpasst.
Die Kokon-Strategie (Cocooning): Schutz durch das Umfeld
Um diese gefährliche Immunitätslücke im frühen Säuglingsalter zu schließen, setzen moderne Geburtskliniken und Kinderärzte auf die sogenannte Kokon-Strategie (im Englischen als Cocooning bekannt).
Definition: Die Kokon-Strategie beschreibt den Ansatz, das Neugeborene indirekt zu schützen, indem alle Personen, die engen Kontakt zum Baby haben werden, gegen Keuchhusten geimpft sind. Dazu gehören Mutter, Vater, Geschwister, Großeltern, Babysitter sowie medizinisches Personal und Hebammen.
Impfung in der Schwangerschaft und nach der Geburt
Aktuelle medizinische Daten belegen weltweilt, dass der Tdap-Impfstoff (Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis) in allen Bevölkerungsgruppen – einschließlich schwangerer und stillender Frauen – absolut sicher und gut verträglich ist.
Im Rahmen unserer modernen Neugeborenenversorgung wird die Kokon-Strategie aktiv umgesetzt. Um das Baby direkt nach der Entbindung bestmöglich vor einer Infektion zu schützen, wird den Müttern (sofern nicht bereits im letzten Drittel der Schwangerschaft geschehen) direkt nach der Geburt die Keuchhusten-Impfung verabreicht.