Frühkindliche Reflexe bei Neugeborenen: Überlebenswichtige Urinstinkte im Check

Wussten Sie, dass Babys mit einer Reihe von automatischen, unwillkürlichen Bewegungen auf die Welt kommen? Diese sogenannten frühkindlichen Reflexe (auch primitive Reflexe genannt) erleichtern dem Neugeborenen die Anpassung an die neue Welt außerhalb des Mutterleibs. Sie sind die biologische Grundausstattung des Menschen und sichern in den ersten Lebensmonaten das pure Überleben.

Aus neurologischer Sicht handelt es sich hierbei nicht um bewusste, kortikale Handlungen, sondern um subkortikale Verhaltensweisen – das heißt, sie laufen völlig unbewusst und ohne den Willen des Babys ab. Gleichzeitig sind sie für Kinderärzte das wichtigste Indiz dafür, dass das Nervensystem des Säuglings gesund und gut entwickelt ist. Mit der Zeit werden diese Urinstinkte durch bewusste, koordinierte Bewegungen ersetzt.

Wir haben die wichtigsten Informationen von der Expertin für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Gülen Usanmaz, für Sie zusammengefasst.

Die wichtigsten Neugeborenenreflexe im Überblick

Im Laufe des ersten Lebensjahres reifen die höheren Gehirnstrukturen heran. Die folgenden Reflexe verschwinden daher meist nach einigen Monaten von selbst und machen Platz für zielgerichtete Bewegungen:

1. Der Suchreflex (Rooting-Reflex)

  • Funktion: Hilft dem Baby, die Brust der Mutter oder den Sauger der Flasche zu finden.
  • Auslöser: Wenn man die Wange oder den Mundwinkel des Babys sanft berührt.
  • Reaktion: Das Baby dreht den Kopf sofort in die Richtung der Berührung und öffnet den Mund, um angedockt zu werden.

2. Der Saugreflex

  • Funktion: Der wohl lebenswichtigste Reflex zur Nahrungsaufnahme.
  • Entwicklung: Beginnt bereits in der 28. Schwangerschaftswoche im Mutterleib und ist um die 32. bis 34. Woche voll ausgereift.
  • Dauer: Im Wachzustand ist er meist bis zum 3. oder 4. Lebensmonat aktiv, im Schlaf kann er sich bis zum 7. Monat zeigen.

3. Der Moro-Reflex (Schreck- oder Salami-Reflex)

  • Funktion: Ein neurologischer Schlüsselreflex, der dem Arzt wichtige Auskunft über den Zustand des Nervensystems gibt.
  • Auslöser: Plötzliche Reize wie laute Geräusche, grelles Licht (z. B. Fotoblitz) oder das kurze, sanfte Zurückfallenlassen des Babykörpers.
  • Reaktion: Das Baby erschrickt, breitet die Arme ruckartig mit gespreizten Fingern aus und führt sie anschließend wieder langsam zum Körper zusammen.
  • Dauer: Er ist in den ersten 4 Monaten völlig normal und verschwindet spätestens im 6. Lebensmonat, wenn sich Muskeln und Nerven weiterentwickeln.

4. Der Greifreflex (Palmar- und Plantarreflex)

  • Funktion: Evolutionär gesehen ein Erbe unserer biologischen Vorfahren, um sich im Falle einer Gefahr instinktiv im Fell der Mutter festzuklammern.
  • Auslöser: Druck auf die Handinnenfläche oder die Fußsohle des Babys.
  • Reaktion: Die Finger oder Zehen schließen sich sofort fest um den Gegenstand (oder Finger).
  • Dauer: Der Handgreifreflex verschwindet nach ca. 3 Monaten – ab dem 6. Monat beginnt das bewusste Greifen. Der Fußgreifreflex (Plantarreflex) kann hingegen bis zum 10. Monat anhalten.

5. Der Asymmetrische Tonische Nackenreflex (Fechterstellung)

  • Funktion: Bestimmt die Position des Kopfes im Verhältnis zum Körper und bereitet auf die Augen-Hand-Koordination vor.
  • Auslöser & Reaktion: Dreht man den Kopf des liegenden Babys nach rechts, streckt es den rechten Arm und das rechte Bein aus. Die linke Seite wird hingegen gebeugt (sieht aus wie eine Fechter-Pose).
  • Dauer: Wird ab der 3. bis 4. Lebenswoche deutlicher und nimmt ab dem 3. Monat ab. Bei einigen Kindern zeigt sich diese Position im Schlaf noch bis zum 2. oder 3. Lebensjahr.

6. Der Schreitreflex (Schreitautomatismus)

  • Auslöser: Hält man das Baby aufrecht unter den Achseln, sodass seine Fußsohlen eine flache Oberfläche berühren.
  • Reaktion: Das Baby setzt einen Fuß vor den anderen und macht automatische Gehbewegungen.
  • Dauer: Verschwindet in der Regel nach dem 4. Lebensmonat.

7. Der Babinski-Reflex

  • Auslöser: Wenn man mit einem leicht stumpfen Gegenstand sanft an der Außenkante der Fußsohle entlangstreicht.
  • Reaktion: Der große Zeh biegt sich nach oben (streckt sich), während sich die anderen Zehen fächerförmig abspreizen.
  • Dauer: Verschwindet im Durchschnitt zwischen dem 8. und 10. Lebensmonat.

8. Der Schwimmreflex

  • Auslöser & Reaktion: Wird das Baby horizontal ins Wasser gehalten, führt es automatisch paddelnde Bewegungen mit Armen und Beinen aus und hält instinktiv den Atem an.
  • Dauer: Verschwindet nach dem 4. bis 6. Monat.
  • Wichtiger Hinweis: Dies bedeutet nicht, dass Babys bereits schwimmen können! Es ist lediglich ein evolutionärer Schutzmechanismus des Körpers im Wasser.

Warum die Reflexkontrolle beim Kinderarzt so wichtig ist

Die Überprüfung dieser Reaktionen ist ein fester und essenzieller Bestandteil der regelmäßigen U-Untersuchungen beim Kinderarzt.

  • Fehlende Reflexe: Wenn bestimmte Reflexe in den ersten Lebenswochen gar nicht erst auftreten, kann dies ein Hinweis auf eine neurologische Entwicklungsverzögerung sein.
  • Persistierende (fortbestehende) Reflexe: Sollten diese primitiven Reflexe nach dem ersten Geburtstag (12 Monate) immer noch nachweisbar sein, kann dies ein ernsthaftes Anzeichen für eine Störung oder Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirnschaden) sein.

Fazit

Frühkindliche Reflexe sind faszinierende Wunderwerke der Natur, die Ihr Baby in der ersten Zeit schützen und leiten. Um eine gesunde Entwicklung des Nerven- und Immunsystems sicherzustellen, sind eine fachkundig begleitete Geburt sowie die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen beim Kinderarzt von der ersten Woche an unerlässlich. So können eventuelle Abweichungen frühzeitig erkannt und bestmöglich therapiert werden.

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